Dr. med. Helmut Forstbauer
Priv.-Doz. Dr. med. Carsten Ziske
Dr. med. Ruth Reihs
Dr. med. Ernst Rodermann
Andreas Diel

Bin ich nicht selbst schuld an meinem Lungenkrebs?

Stand der Information: Mai 2010

Der Zusammenhang zwischen Rauchen und der Entstehung von Lungenkrebs verursacht bei vielen Lungenkrebs-Patienten so etwas wie einen Schuldkomplex, der sie lähmt und sie unter anderem daran hindert, psychologische Unterstützung zur Bewältigung ihrer Krankheit zu suchen. Die dazu häufig gestellten Fragen und Antworten haben wir für unsere Leser zusammengefasst.

Stimmt es, dass Lungenkrebspatienten seltener psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen als andere Krebspatienten?

Diesen Eindruck haben zumindest viele Psycho-Onkologen, und sie haben auch eine Vermutung, warum das so ist: Viele der Lungenkrebspatienten sind Raucher gewesen. Sie empfinden Scham, fühlen sich für die Entstehung ihrer Krankheit selbst verantwortlich, und es fällt ihnen sehr schwer, sich mit ihren unzweifelhaft vorhandenen existenziellen Nöten jemandem anzuvertrauen.

Kann es nicht sein, dass diese Patienten einfach lieber mit ihren Angehörigen reden?

Das ist in vielen Fällen sicher so. Allerdings ist eine professionelle psychologische Beratung meist ebenso sinnvoll. Denn entscheidend für den Patienten ist, dass er einen Raum, einen Platz findet, an dem er seine Angst wirklich zeigen darf. Engen Verwandten gegenüber will man seine manchmal qualvolle Angst nicht immer offen zugeben; denn viele Patienten wollen ihre Angehörigen nicht auch noch damit „belästigen“.

Was kann denn ein psychologisch geschulter Arzt mehr gegen die Angst tun, als es liebevolle Freunde und Angehörige können?

Ein Experte kann mit der Angst im wahrsten Sinne des Wortes professioneller umgehen. Angehörige und Freunde spenden Trost, und das ist sehr wichtig. Ein psycho-onkologisch geschulter Betreuer hilft dem Patienten, aktiv zu werden. Und das empfinden die Betroffenen als hilfreich. Bei existenziellen Ängs­ten hilft es häufig, den ganz großen Berg „Ich werde sterben“ sozusagen in kleine Bergetappen einzuteilen. Die große diffuse Angst wird, wenn Sie so wollen, in konkrete Einzel­ängste eingeteilt. „Ich habe Angst vor Schmerzen, ich habe Angst zu ersticken, ich habe Angst, dass meine Familie nicht ausreichend versorgt sein wird, wenn ich gestorben bin.“ Über all das traut sich der Patient eher mit einer neutralen Person zu reden, weniger mit Freunden oder Angehörigen, denn die möchte er in aller Regel schonen.

Welche Möglichkeiten eröffnen sich einem Patienten denn konkret, wenn er über seine Ängste geredet hat?

Zunächst einmal sind Patienten meist dankbar dafür, dass sie die diffuse Angst nun konkret bearbeiten können. Sie sprechen offener mit ihrem Arzt über die Art der schmerzlindernden Behandlung. Sie fühlen sich auch in die Lage versetzt, mit entsprechender Unterstützung praktische Sachen wie die Beantragung einer Erwerbsunfähigkeitsrente oder das Verfassen eines Testaments anzugehen. Und nicht zuletzt trauen sie sich dann auch, eigene Wünsche zu formulieren.

Warum sollten Lungenkrebspatienten diesbezüglich Hemmungen haben?

Weil sie häufig der Meinung sind, dass sie die Erfüllung eigener Wünsche „nicht mehr verdient“ haben, weil sie fürchten, mit ihren Wünschen andere zu überfordern.

Gibt es typische Wünsche von Patienten?

Wenn man nachfragt, haben viele Patienten ganz konkrete Reisewünsche, die sie aber selbst als völlig vermessen empfinden. Dabei hilft es speziell in einer solchen Situation, darüber zu reden, was geht und was nicht. Denn auch Freunde und Angehörige freuen sich und sind dankbar, wenn sie für den Patienten etwas tun können. Das ist für alle Beteiligten eine echte Bereicherung. Wenn jemand das Wasser liebt und beispielsweise gerne noch einmal an den Atlantik fahren möchte, kann man besprechen, ob das tatsächlich noch geht. Und wenn das nicht funktioniert, ist vielleicht der regelmäßige Ausflug an einen See in der Nähe möglich.

Was muss ich tun, wenn ich als Patient eine professionelle psycho-onkologische Betreuung möchte?

In Deutschland finanzieren die gesetzlichen Krankenversicherungen die psycho-onkologische Versorgung für jeden Krebs­patienten. Sprechen Sie mit uns, wenn Sie entsprechend betreut werden möchten.


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