Bereits im Jahre 1845 beschrieb der Berliner Arzt Rudolf Virchow dieses Phänomen deshalb als „weißes Blut“, auf griechisch: Leukämie.
Eine große Familie
Weiße Blutkörperchen oder Leukozyten sind keine einheitlichen Zellen, sondern bilden eine große Familie mit rund einem Dutzend unterschiedlicher Zelltypen. Sie alle spielen in der Immunabwehr eine wichtige Rolle – und sie alle können zur Krebszelle entarten. Mit anderen Worten: Es gibt nicht nur eine Leukämie, sondern eine Reihe unterschiedlicher Leukämieformen.
Lymphatische und myeloische Zellen
Alle Blutkörperchen und -plättchen entstehen im Knochenmark. Die Reifung der Leukozyten verzweigt bereits zu Anfang in zwei Richtungen: Es bilden sich lymphatische und myeloische Vorläuferzellen.
Aus den lymphatischen Vorläuferzellen entwickeln sich die B- und T-Lymphozyten. Nach ihrer Reifung wandern sie in die Gewebe, die für die Immunabwehr besonders wichtig sind: in die Lymphknoten, die Rachenmandeln, die Milz und in die Schleimhäute von Darm und Lunge. Diese Gewebe nennen Mediziner daher auch lymphatische Gewebe.
Lymphozyten sind in der Lage, körperfremde Strukturen wie etwa Bakterien, Pilze und Viren zu erkennen. Im Falle einer Infektion leiten sie die Abwehrreaktion des Körpers ein. B-Lymphozyten sind für die Produktion von Antikörpern zuständig, T-Lymphozyten können eine Abwehrreaktion ein- oder ausschalten und zum Teil auch virusinfizierte oder krebsbefallene Körperzellen abtöten.
Die myeloischen Vorläuferzellen entwickeln sich im Knochenmark unter anderem zu großen und kleinen Fresszellen, den so genannten Makrophagen und den neutrophilen Granulozyten. Sie sind in gewisser Weise die ausführenden Organe der Lymphozyten; denn alles, was diese zur Vernichtung freigegeben haben, verleiben sich die Fresszellen ein und verdauen es.
Lymphatische und myeloische Leukämie
Wenn Lymphozyten oder ihre Vorformen entarten und eine Leukämie verursachen, spricht man von einer lymphatischen Leukämie. Sind Zellen der myeloischen Reihe Ursprung des bösartigen Wachstums, so handelt es sich um eine myeloische Leukämie. Entartete Zellen der lymphatischen Leukämien kommen im Knochenmark oder im lymphatischen System vor, je nachdem auf welcher Entwicklungsstufe die Entartung stattgefunden hat. Ist das lymphatische System betroffen, kommt es wegen der ungehemmten Zellteilung zur Ausschwemmung ins Blut und häufig auch zu Lymphknotenschwellungen. Im weiteren Krankheitsverlauf können auch andere Organe befallen werden.
Entartete myeloische Zellen teilen sich im Knochenmark unkontrolliert und überschwemmen anschließend regelrecht das Blut. Auf diesem Weg können sie jedes Organ des Körpers und über die Rückenmarks-Gehirn-Flüssigkeit (Liquor) sogar das Gehirn erreichen und sich dort ansiedeln.
Akut oder chronisch?
Sowohl lymphatische als auch myeloische Leukämien kommen in akuter oder chronischer Form vor. Akute Leukämien entwickeln sich rasch und verursachen schwere Symptome. Bei den entarteten Zellen handelt es sich meist um unreife Formen, also um Zellen, die im Reifungsprozess noch nicht weit vorangeschritten sind. Sie vermehren sich derart rasant, dass die normale Blutzellbildung im Knochenmark gestört ist. Die Patienten klagen über ein plötzlich einsetzendes Krankheitsgefühl, sie leiden unter Fieber und häufig auch unter einer hartnäckigen Infektion. Aber keines dieser Symptome beweist, dass der Patient an einer Leukämie erkrankt ist. Die exakte Diagnose kann erst durch eine Blut- beziehungsweise eine Knochenmarkuntersuchung gesichert werden.
Chronische Leukämien beginnen schleichend und verursachen lange keine Symptome. Häufig werden sie im Rahmen einer Routineuntersuchung diagnostiziert. Ursache sind ausgereifte oder fast ausgereifte Blutzellen, die zu Krebszellen entarten. Im weiteren Krankheitsverlauf klagen die Patienten wie bei den akuten Leukämien über Leistungsminderung, Unwohlsein, Gewichtsverlust oder auch Nachtschweiß und Fieber. Aber auch hier gilt: Anhand der Symptome allein lässt sich keine chronische Leukämie diagnostizieren.
Vier häufige Leukämieformen
Ausgehend von den entarteten Ursprungszellen und den Verlaufsformen werden vier häufige Formen der Leukämie unterschieden: die akute lymphatische Leukämie (ALL), die akute myeloische Leukämie (AML), die chronisch lymphatische (CLL) sowie die chronisch myeloische Leukämie (CML).
Die ALL ist die häufigste bösartige Erkrankung bei Kindern, an der AML erkranken vorwiegend Erwachsene. Die CLL kommt meist bei Patienten im höheren, die CML zusätzlich auch bei Patienten im mittleren Lebensalter vor. Übrigens ist die CMS die Erkrankung, die Rudolf Virchow vor mehr als 150 Jahren diagnostiziert hatte.
Absicherung der Diagnose
Anhand der Symptome allein lässt sich keine Leukämie-Diagnose stellen. Zur Absicherung müssen eine Blut- und eine Knochenmarkprobe, bei Verdacht auf CLL auch Lymphknotengewebe untersucht werden. In diesen Proben lassen sich Art und Ausmaß der entarteten Blutzellen genau bestimmen. Zur Gewinnung einer Knochenmarkprobe betäubt der Arzt ein etwa 2-Euro-Stück großes Hautareal am oberen Beckenkamm. Mit einer etwas dickeren Hohlnadel sticht er dann in den Beckenknochen hinein und entnimmt eine zylinderförmige Probe, die so genannte Stanze. Ergänzend zu dieser Stanzbiopsie kann anschließend durch den Stanzkanal auch flüssiges Mark in eine Spritze gesaugt und direkt unter dem Mikroskop beurteilt werden.
Chemo- und Strahlentherapie
Eine Leukämie lässt sich im Unterschied zu Organtumoren nicht operieren, weil sie nicht nur ein Organ, sondern den gesamten Organismus befällt. Chemo- und Strahlentherapie bilden deshalb die beiden Säulen jeder Leukämiebehandlung. Häufig werden bei der Chemotherapie zwei oder drei verschiedene Medikamente kombiniert, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken. Bei nahezu allen Leukämieformen wird derzeit aber auch untersucht, inwieweit die Patienten von einer so genannten Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Stammzellübertragung profitieren.
Bei dieser Hochdosistherapie werden die Chemotherapeutika in so hohen Dosen verabreicht, dass nicht nur die Krebszellen, sondern alle Zellen des blutbildenden Systems im Knochenmark vernichtet werden.
Stammzelltransplantation
Im Anschluss daran erhält der Patient mittels Infusion gesunde Blutstammzellen. Diese Zellen wandern vom Blut ins Knochenmark, vermehren sich dort und sorgen so für den Aufbau eines komplett neuen, krebsfreien blutbildenden Systems. Was als theoretisches Konzept einfach und überzeugend klingt, lässt sich praktisch nur in spezialisierten Zentren durchführen. Denn während der Behandlung können Komplikationen wie Unverträglichkeitsreaktionen oder schwere Infektionen auftreten.
Akute Formen sofort behandeln
Grundsätzlich gilt, dass die akuten Leukämieformen (ALL und AML) sofort mit einer konventionellen oder einer Hochdosis-Chemotherapie behandelt werden müssen. Bei der ALL werden zusätzlich noch der Kopf und die obere Halswirbelsäule bestrahlt, da die entarteten Zellen auch das Gehirn befallen können. An eine erfolgreiche Erstbehandlung schließt sich in der Regel eine mindestens 12-monatige Erhaltungstherapie an.
CML: Stammzelltransplantation
Wenn sie sich in gutem Allgemeinzustand befinden, ist für CML-Patienten die Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Stammzellübertragung die aus heutiger Sicht vielversprechendste Therapie. Aus den Blutstammzellen eines geeigneten Fremdspenders können sich Abwehrzellen entwickeln, die sogar gegen möglicherweise noch vorhandene Krebszellen im Körper des Patienten aktiv werden. Als besonders geeignete Fremdspender gelten gesunde Geschwister des Patienten. Daneben steht mittlerweile ein noch recht neuer Wirkstoff gegen die CML zur Verfügung: Imatinib blockiert die krankhafte Entstehung desjenigen Eiweißes, das die Zelle zu unkontrolliertem Wachstum veranlasst. Bei etwa 90 Prozent der CML-Patienten ist der Einsatz von Imatinib sinnvoll.
Wachsames Beobachten
Bei der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL) ist es häufig ratsam, zunächst gar keine Medikamente einzusetzen; denn die Erkrankung schreitet nur sehr langsam fort. Erst wenn die roten Blutkörperchen beziehungsweise die Blutplättchen stark abfallen oder Abgeschlagenheit, Nachtschweiß, Fieber und andere Symptome den Patienten zu sehr belasten, wird in der Regel eine chemotherapeutische Behandlung eingeleitet.
Bis heute ist unklar, warum die Vorläufer der Blutzellen im Knochenmark entarten. Keine Diät und kein Lebensstil können davor schützen. Radioaktive Strahlen und das Lösungsmittel Benzol gehören zu den bekannten Risikofaktoren. Eine echte Vorbeugung gegen die Leukämie gibt es leider nicht.