Dr. med. Helmut Forstbauer
Priv.-Doz. Dr. med. Carsten Ziske
Dr. med. Ruth Reihs
Dr. med. Ernst Rodermann
Andreas Diel

Vitamin- und Mineralstoff-Präparate sind nur selten sinnvoll

Dass Obst und Gemüse – möglichst mehrmals am Tag – sehr gesundheitsfördernd sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen, selbstverständlich auch in der Lebensmittelindustrie. Vom ACE-Saft über vitaminangereichertes Müsli bis hin zu preiswerten Vitaminkapseln aus dem Supermarkt: All diese Produkte scheinen dem Verbraucher zu signalisieren „Gesundheit kann man einfach schlucken“.

Bis in die 1990er Jahre war diese Überzeugung auch unter seriös arbeitenden Forschern durchaus verbreitet. Hintergrund waren Befunde, wonach Krebspatienten und Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen häufig auch unter einem Vitamin- und Mineralstoffmangel litten.

Häufiger Lungenkrebs nach Vitamin-Einnahme

Die Ergebnisse der finnischen ATBC- und der US-amerikanischen CARET-Studie ließen 1994 und 1996 erstmals Zweifel am Nutzen der Vitamin-Einnahme aufkommen. 29.000 Raucher zwischen 50 und 69 Jahren nahmen an der ATBC-Studie teil. Herausgefunden werden sollte, ob die Einnahme von Tocopherol (Vitamin E) oder die von Beta-Carotin (Provitamin A) sich günstig auf das Lungenkrebsrisiko auswirkt. Die ernüchternden Ergebnisse nach siebeneinhalb Jahren: Vitamin E hat keinen schützenden Einfluss. Unter Provitamin A nahm die Häufigkeit neu diagnostizierter Lungenkrebs-Erkrankungen sogar zu, nämlich von 3,5 auf 4,5 Prozent.

Ganz ähnlich die Ergebnisse der CARET-Studie: Von den etwa 18.000 teilnehmenden Rauchern und Asbest-Arbeitern erkrankten im Lauf der vierjährigen Studiendauer ausgerechnet diejenigen häufiger an Lungenkrebs, die eine Kombination aus Vitamin A und Provitamin A eingenommen hatten. Die Lungenkrebsrate betrug in dieser Gruppe 2,2 Prozent, in der Placebo-Gruppe nur 1,7 Prozent.

Die Zweifel an der Wirksamkeit isolierter Vitamine und Mineralstoffe wuchsen im Herbst 2008: In den USA musste die SELECT-Studie abgebrochen werden, weil ein schützender Einfluss von Selen und Vitamin E auf das Prostatakarzinom-Risiko nicht nachgewiesen werden konnte. Eine abschließende Auswertung aus dem Jahr 2011 belegt sogar, dass die Vitamin-Einnahme das Krebsrisiko erhöht: In der Gruppe, die Vitamin E eingenommen hatte, erkrankten mehr Männer an einem Prostatakarzinom als in der Kontrollgruppe.

Fazit: Vitamin- und Mineralstoffgabe nur im Einzelfall

Es gibt Situationen, in denen die Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen sich als sinnvoll erwiesen hat: Jod-Mangel-Zustände lassen sich mit Jod-Präparaten behandeln; Frauen, die schwanger werden wollen, sollten ein Folsäure-Präparat einnehmen, um Schäden beim Neugeborenen zu verhindern.

Derzeit mehren sich auch die Hinweise, wonach die Einnahme eines Vitamin-D-Präparates das Risiko für Darm- und Brustkrebs senkt. Eine abschließende Bewertung ist allerdings noch nicht möglich.

Die generelle Gabe von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten ist kritisch zu bewerten. Es gibt im Einzelfall allerdings Situationen, in denen sie notwendig ist und ärztlich kontrolliert durchgeführt werden sollte (siehe Kasten).

Tipps für Ihre Vitamin- und Mineralstoffversorgung

Achten Sie auf gesunde Mischkost mit mehrmals täglich frischem Obst und Gemüse. Verwenden Sie Vollkornprodukte und gute Speiseöle. Bevorzugen Sie Seefisch anstelle von rotem Fleisch.

Meiden Sie hochdosierte Multivitaminpräparate und Lebensmittel mit künstlich zugesetzten Vitaminen. Seien Sie misstrauisch, wenn für Lebensmittel geworben wird, die Ihrer Gesundheit nützlich sein sollen.

Bei bestimmten Krebserkrankungen (Speiseröhre, Magen) benötigen Sie isoliert zugeführte Vitamine und Mineralstoffe; allerdings immer nur nach ärztlicher Verordnung. Im Zweifelsfall prüfen wir Ihren Vitamin- und Mineralstoffstatus. Wenn ein Mangel festgestellt wird, lässt der sich medikamentös ausgleichen.

Stand der Informationen: 15. Februar 2012

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