Dr. med. Helmut Forstbauer
Priv.-Doz. Dr. med. Carsten Ziske
Dr. med. Ruth Reihs
Dr. med. Ernst Rodermann
Andreas Diel

Fortschritte in der Darmkrebstherapie

Darmkrebs, genauer: Dickdarm- oder Mastdarmkrebs, ist heimtückisch. Er kann lange Zeit unbemerkt wachsen, und wenn er dann diagnostiziert wird, ist es für eine komplette Heilung nicht selten zu spät. Mithilfe neuer Operationstechniken und Arzneimittel lassen sich kolorektale Tumoren – so die für beide Tumorarten zusammenfassende Fachbezeichnung – aber besser denn je behandeln.

Nach wie vor ist die Operation mit dem Ziel der restlosen Entfernung des Tumors das einzige Verfahren, mit dem sich Darmkrebs dauerhaft heilen lässt. Je nach Lage des Tumors unterscheidet man Dickdarm- und Mastdarmkrebs, von Medizinern meist Kolon- oder Rektumkarzinom genannt (siehe Abbildung). Nach der Operation untersuchen Pathologen, also Spezialisten für die Beurteilung von Geweben das entnommene Material sorgfältig auf Tumorzellreste.

Stellt sich dabei heraus, dass Krebszellen bereits in Lymphknoten vorgedrungen sind, wird im Fall des Kolonkarzinoms nach der Operation in der Regel eine adjuvante, also eine ergänzende Chemotherapie veranlasst. Auf diese Weise sollen eventuell noch im Organismus vorhandene Krebszellen unschädlich gemacht werden. Diese Behandlung kann – je nach erforderlicher Therapie – ein halbes bis zu einem ganzen Jahr dauern.

Rektumkarzinome: Vorbehandlung vor der Operation

Anders als beim Kolonkarzinom hat sich in der Therapie des Mastdarmkrebses (Rektumkarzinom) vor der Operation eine medikamentöse und/oder strahlentherapeutische Vorbehandlung als sinnvoll erwiesen. Ob eine etwa einwöchige Strahlentherapie allein oder in Kombination mit einer Chemotherapie durchgeführt wird, hängt unter anderem von der Größe des Rektumkarzinoms ab. Das Ziel der Vorbehandlung ist immer gleich: Der Tumor soll vorab zum Schrumpfen gebracht werden, um die Erfolgsaussichten der Operation zu verbessern.

Speziell beim Rektumkarzinom ist das Risiko des Wiederauftretens der Erkrankung am gleichen Ort – das Rezidivrisiko – besonders groß. Seit der Einführung verbesserter Operationstechniken, konkret der totalen mesorektalen Exzision (TME), sinkt es jedoch beständig und liegt nach Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft derzeit bei etwa 10 Prozent. Mit Hilfe der TME wird neben dem Tumor auch das umliegende Fett- und Bindegewebe, das sogenannte Mesorektum, komplett herausgelöst. In dieses Gewebe, das viele Lymph- und Blutgefäße enthält, ist der Mastdarm eingebettet. Die chirurgische Kunst besteht darin, die an dieser Stelle ebenfalls vorhandenen anderen Organe und Gewebe wie die Harnblase, die beiden Harnleiter oder die Sexualnerven unverletzt zu lassen. Die TME sollte deshalb nur von Spezialisten in entsprechend ausgestatteten Zentren durchgeführt werden.

Künstlicher Darmausgang

Bei schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Rektumkarzinom-Operationen wird die Anlage eines künstlichen Darmausgangs notwendig, entweder weil der Schließmuskel selbst schon von Krebszellen befallen ist oder weil der Tumor zu nahe am Schließmuskel liegt, als dass dieser erhalten werden könnte. Nach der Entfernung des Mastdarms führt der Chirurg das nun „offene Ende“ des Dickdarms meist aus dem linken Unterbauch nach außen. Nach der Operation befindet sich an dieser Stelle eine Öffnung von etwa zwei Zentimetern Durchmesser, an die eine sogenannte Stomaversorgung angeschlossen wird. Dabei handelt es sich um eine Kunststoffplatte, die auf die Öffnung in der Bauchdecke geklebt wird, und einen daran befestigten Beutel. Dieser nimmt die Darmausscheidungen auf.

Chirurgen legen einen künstlichen Darmausgang nicht nur dauerhaft, sondern im Verlauf der Therapie auch vorübergehend an. Das geschieht immer dann, wenn ein bestimmter Darmabschnitt geschont werden soll, damit die Operationswunden schneller heilen.

Antikörper gegen das Wachstum von Blutgefäßen

Von zielgerichteter Therapie oder englisch targeted therapies ist in der Krebsbehandlung immer häufiger die Rede. Mit diesem Schlagwort werden alle Bemühungen bezeichnet, den Tumor möglichst zielgenau – ohne Schädigung anderer Gewebe oder Organe – zu bekämpfen.

Eine konventionelle Chemotherapie zum Beispiel wirkt nicht gezielt. Als Infusion über das Blut verteilt, gelangt die Wirksubstanz in den gesamten Organismus und entfaltet überall Wirkungen, aber eben auch unerwünschte Nebenwirkungen.

Moderne Medikamente dagegen funktionieren wie Schlüssel und Schloss, das heißt, die Medikamente wirken quasi als Schlüssel erst dann, wenn sie ihr Schloss gefunden haben.

Ein bestimmter Antikörper (Bevacizumab) imitiert beispielsweise den Wachstumsfaktor VEGF, der die Entstehung von Blutgefäßen in Tumoren begünstigt. Während VEGF nach seiner Anheftung an definierte Stellen auf Blutgefäßen das Wachstum in Richtung Tumor fördert, blockiert Bevacizumab lediglich die Anheftungsstelle, ohne das Wachstum der Blutgefäße in Richtung Tumor anzukurbeln. Der Effekt: Der Tumor wird schlechter mit Energie versorgt und wächst langsamer oder gar nicht.

Tatsächlich lässt sich das Fortschreiten der Krankheit mit Bevacizumab nachweislich verzögern, außerdem wird die Überlebenszeit der Patienten verlängert. Bevacizumab ist in Deutschland zur Behandlung von metastasiertem Darmkrebs zugelassen.

Antikörper können das Signal zur Zellteilung hemmen

Ein anderer in der Darmkrebstherapie mittlerweile etablierter Antikörper ist das Cetuximab, das nicht die Blutversorgung des Tumors, sondern die Teilung von Krebszellen behindert, das Tumorwachstum also bremst. Cetuximab blockiert dazu spezielle Andockstationen (EGF-Rezeptoren) auf der Außenhülle von Darmkrebszellen. Damit unterbricht der Antikörper die Weitergabe des Zellteilungssignals von der Außenseite der Zelle über mehrere Stationen im Zellinneren bis zum Zellkern.

Der EGF-Rezeptor kommt allerdings nur auf etwa 70 Prozent der Darmkrebszellen vor, das heißt, Cetuximab wirkt nicht auf alle Darmkrebszell-Typen. Und noch etwas kommt hinzu: Wenn eine der Stationen zur Signalübertragung im Zellinneren charakteristisch verändert ist, wirkt Cetuximab so gut wie gar nicht.

Cetuximab dürfen deshalb nur solche Patienten erhalten, bei denen diese Veränderung – Mediziner sprechen von der K-Ras-Mutation – in den Tumorzellen nicht stattgefunden hat. Cetuximab wird entweder allein oder in Kombination mit Chemotherapeutika gegeben. Ein ganz ähnlich wirkender Antikörper ist das Panitumumab, das bei metastasiertem Darmkrebs einsetzbar ist, aber ebenfalls nur bei Patienten ohne K-Ras-Mutation.

Operation bei Kolonkarzinom (links) und Rektumkarzinom (rechts): Je nach Lage des Tumors werden unterschiedlich große Anteile des Darmes (blauer Bereich) und des Lymphsystems (oranger Bereich) entfernt.

Darmkrebsvorsorge nutzen

In der Darmkrebstherapie hat es in den vergangenen Jahren also erhebliche Fortschritte gegeben, allerdings gilt nach wie vor, dass die Heilungsaussichten umso besser sind, je eher der Tumor entdeckt wird. Entsprechend wichtig sind die mittlerweile etablierten Vorsorgemöglichkeiten inklusive der Darmspiegelung. Damit können bereits Vorstufen von Darmkrebs erkannt und entfernt werden. Solche Vorsorge-Koloskopien bezahlen die gesetzlichen Krankenversicherungen bei Patienten ab 55 Jahren. Kinder und Geschwister von Darmkrebspatienten können sich schon ab dem 40. Lebensjahr koloskopieren lassen.

 

Das Internet bietet zum Thema Darmkrebs hervorragend aufgearbeitete Informationen, zum Beispiel unter www.darmkrebs.de.

Für vorübergehende oder dauerhafte Stomaträger interessant ist außerdem die Website der entsprechenden Selbsthilfegruppe: www.ilco.de.

 

Stand der Informationen: 15. Februar 2012

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