Dr. med. Helmut Forstbauer
Priv.-Doz. Dr. med. Carsten Ziske
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Dr. med. Ernst Rodermann
Andreas Diel

Sind Wunder wirklich möglich?

Sind Wunder wirklich möglich?

Spontanheilung bei Krebserkrankungen

Tatsächlich kommen solche Spontanheilungen vor, auch wenn unter Fachleuten darüber meist nur hinter vorgehaltener Hand geredet wird.

Wenn von einem Wunder die Rede ist, versetzt das gestandenen Schulmedizinern zunächst einen Stich. Schließlich arbeiten sie mit naturwissenschaftlich anerkannten Methoden, sie verstehen sich als aufgeklärte Ärzte und nicht als Voodoo-Priester. Wunder: das klingt in ihren Ohren – wenn schon nicht nach höheren Mächten – nach niederen Instinkten, das heißt, nach skrupelloser Geschäftemacherei von selbst ernannten Heilern.

Und doch ist es so: Jeder schulmedizinisch arbeitende Krebsspezialist kennt Patienten, bei denen jede Hoffnung auf Heilung aufgegeben worden war und die dennoch – teilweise ohne ärztliches Zutun –wieder gesund wurden.

Spontanremissionen

Weil sie mit dem Begriff „Wunder“ ihre Schwierigkeiten haben, reden Mediziner lieber von Spontanremission: Sie ist definiert als spontane Rückbildung des Tumors, ohne dass eine gezielte medizinische Behandlung stattgefunden hat. Bei der vollständigen Remission sind Tumorzeichen überhaupt nicht mehr nachweisbar, bei der teilweisen (partiellen) Remission sind sie um mindestens die Hälfte zurückgegangen.

Vergleichsweise häufig sind Spontanremissionen beim Schwarzen Hautkrebs (Malignes Melanom). Berichtet wird von vier bis 15 Prozent der malignen Melanome, die sich spontan zurückbilden. Schlechter sieht es allerdings aus, wenn der Hautkrebs Tochtergeschwülste entwickelt hat: Solche Metastasen bilden sich nur zu etwa 0,25 Prozent spontan wieder zurück. Auch Nierenkrebs kann in bis zu acht Prozent der Fälle spontan ausheilen, bei langsam voranschreitenden Non-Hodgkin-Lymphomen (NHL) sind es fünf bis 23 Prozent. Ein selten vorkommender Tumor des Nervensystems, das so genannte Neuroblastom, kann bei Kindern in einem bestimmten Stadium sogar in bis zu 80 Prozent der Fälle spontan ausheilen.

Vorsicht vor „gemachten Wundern“

Natürlich gibt es auch Wunder, die gar keine sind. Wenn jemand plötzlich und unerwartet von einer lebensbedrohlichen Erkrankung genesen ist, dann ist es legitim nachzufragen, ob das Leiden denn tatsächlich auch richtig diagnostiziert wurde. Nicht jeder verdächtige Schatten im Röntgenbild ist ein Lungenkrebs. Nicht selten aber empfinden viele Betroffene die Korrektur der ursprünglich falschen Diagnose als Wunder, das ihnen widerfahren ist.

Wunder können auch „gemacht“ sein. Prinzipiell ist das ganz einfach. Man erklärt beispielsweise eine völlig harmlose Substanz, die im Blut vorkommt, als Marker für das Wachstum eines Tumors. Wird bei der Blutuntersuchung die Substanz nachgewiesen, dann gilt das als Zeichen für Tumorwachstum. Findet der „Therapeut“ dann Mittel und Wege, die Konzentration dieser Substanz im Blut abzusenken, dann steht das für die vermeintliche Rückbildung des Tumors.

Wohlgemerkt: Kein Tumorwachstum ist bei diesem kriminellen Handeln beeinflusst worden, lediglich die Konzentration einer harmlosen Substanz im Blut. Beim Patienten wird aber der Eindruck erweckt, der „Therapeut“ habe ein Wunder vollbracht. Andererseits gibt es auch Wunder, die sich im Lauf der Zeit gewissermaßen weiterentwickeln, die letztlich erklärbar und als Heilerfolg wiederholbar geworden sind. Vor 25 Jahren beispielsweise kam die Rückbildung eines Hodentumors einem Wunder gleich. Heute können mehr als 90 Prozent der betroffenen – meist jungen – Männer von diesem Tumor auf Dauer geheilt werden. Aus dem Wunder von gestern ist der Therapieerfolg von heute geworden.

Doch zurück zu dem, was wir heute noch Wunder oder unerklärbare Heilungsverläufe nennen: Die systematische Beschäftigung mit solchen Phänomenen ist enorm wichtig; denn hinter den Wundern stecken häufig biologische Mechanismen, die der Organismus selbst zur Bekämpfung von Tumorwachstum einsetzt. Wenn man diese Mechanismen verstanden hat, lassen sich daraus auch neue Strategien zur Behandlung von bösartigen Tumoren ableiten.

Tatsächlich haben sich in der modernen Krebstherapie bereits einige Verfahren etabliert, die letztlich biologische Modelle der Tumorbekämpfung nachahmen. Bei der Behandlung bestimmter Brustkrebsarten werden heute beispielsweise Medikamente eingesetzt, die gezielt den Hormonhaushalt der Frau beeinflussen und damit die Situation nach den Wechseljahren imitieren. Im Labor hergestellte Antikörper, die exakt eine einzige Struktur auf der Oberfläche bestimmter Krebszellen erkennen, sind unter anderem bei der Bekämpfung so genannter Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) mittlerweile Standard.

Ohne die Bildung von Blutgefäßen im Tumorgewebe kann der Krebs nicht überleben. Wenn ein Tumor nicht mit Blut versorgt wird, kann er nicht wachsen und bildet sich zurück. Die Hemmung der Blutgefäßbildung in Tumoren – die Anti-Angiogenese – ist mittlerweile Bestandteil einiger Therapiekonzepte.

Viele Wunder werden bleiben

Trotz dieser beeindruckenden Forschungserfolge kann man nicht erwarten, dass jedes Wunder oder jede Spontanremission in der Zukunft erklärbar sein wird. Das biologische System Mensch funktioniert nicht eindimensional nach dem Muster eines Schalters, der nur auf An oder Aus stehen kann. Wer will beispielsweise genau bestimmen, welchen Anteil eine Chemotherapie an der erfolgreichen Bekämpfung eines Tumors wirklich hat? Ist es die Wirksubstanz allein oder ist es auch die Veränderung der Lebensumstände, die der Patient seit der Diagnose seiner Erkrankung erfahren hat? Ist es die Zuwendung seiner Angehörigen oder sein Entschluss, die Krankheit zunächst zu verdrängen? Wie wichtig ist für den Therapieerfolg die Tatsache, dass sich ein Patient mit seiner Krankheit auseinandersetzt? Was genau bewirken erfüllende Gespräche mit nahen Angehörigen oder Freunden?

Wunder lassen sich nicht erzwingen

Eine schlüssige Antwort auf all diese Fragen gibt es bisher nicht, und ob es sie jemals geben wird, erscheint für Ärzte und Patienten zunächst einmal zweitrangig. Denn es gilt, hier und heute die Erkrankung möglichst wirkungsvoll zu behandeln und gegebenenfalls auch die Tatsache zu bewältigen, dass eine komplette Heilung nicht möglich ist.

Festzuhalten ist, dass unerklärbare Heilungsverläufe in der Krebsbehandlung häufiger sind als gemeinhin angenommen. Festzuhalten ist auch, dass sich Wunder nicht erzwingen lassen. Es ist bisher nicht gelungen, zwischen dem Auftreten von Spontanremissionen einerseits und willentlicher Anstrengung, bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen, festen Überzeugungen oder dem Umgang mit der Erkrankung andererseits einen Zusammenhang herzustellen.

Was bedeutet das praktisch? Eine unerwartete Wendung im Krankheitsgeschehen ist bei allen Patienten möglich. Und es ist durchaus sinnvoll, etwas für dieses Wunder zu tun; es gibt allerdings keinerlei Garantie dafür, dass es funktioniert.

Falsche Heilsversprechen

Seien Sie misstrauisch, wenn Ihnen jemand Heilung oder gar Wunderheilung verspricht. Heilsversprechen oder auch nur die Aussicht auf Heilung bei schweren Tumorerkrankungen ohne objektiven Wirksamkeitsnachweis sind unlauter, im schlimmsten Fall kriminell, spätestens dann, wenn mit Angst oder der möglichen Aussicht auf Heilung Geschäfte großen Stils gemacht werden.

Sie haben das Recht, alles das zu tun, was Ihnen gut tut – und Ihr behandelnder Arzt wird das respektieren. Je offener Sie darüber reden, was Sie ganz persönlich tun, um die Erkrankung zu überwinden, desto wirkungsvoller können wir Sie dabei unterstützen.

Keine individuelle Prognose

Das Phänomen der Spontanremissionen relativiert auch den Wert von so genannten Prognosen. Viele Patienten wollen wissen, wie viel Zeit Ihnen noch verbleibt. Selbstverständlich gibt es große Studien, in denen die mediane Überlebenszeit in Abhängigkeit von einer bestimmten Therapie untersucht wurde: Solche Studienergebnisse lassen sich jedoch nie auf den Einzelfall übertragen – gerade wegen der immer wieder möglichen überraschenden Wendung im Krankheitsgeschehen. Oder anders ausgedrückt: Wenn Sie von medianer Überlebenszeit hören, dann machen Sie sich klar, dass jedem zweiten Patienten mehr Zeit verbleibt als die dort angegebenen Monate oder Jahre.

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